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9. April 2015 Detlef Stöcker

Der Opfer des Bombenangriffs auf Schleiz vor 70 Jahren gedacht

Schleiz. "Der Angriff auf Schleiz dauerte von 10.21 bis 10.31 Uhr. Zehn Minuten, die sich in das Gedächtnis unserer Stadt einbrannten wie kaum ein Ereignis zuvor. Unsere Stadt hatte zwar schon viele Katastrophen erlebt, doch keine hatte in so kurzer Zeit einen solch großen Schaden erzeugt und so viele Opfer gefordert", erinnerte der Bürgermeister und Historiker Juergen K. Klimpke (SPD) in seiner Rede am Gedenkstein auf dem Bergfriedhof.

Was Krieg bedeutete, wussten bis dahin nur jene Männer, die aus anderswo geführten Schlachten heimkehrten. Am 8. April 1945 wurde dann auch die Kleinstadt an der Wisenta das Ziel eines amerikanischen Fliegerangriffs. Die Flugzeuge, die Schleiz bombardierten, gehörten zur 9. Bomberdivision der US-Air-Force. Ihr eigentliches Ziel war das Treibstofflager in Münchenbernsdorf, wo um 9.14 Uhr die ersten Bomben gefallen waren: "Da die Flugzeuge ihre Ziele auf Sicht anflogen, wurden sie vom aufsteigenden Rauch behindert, worauf viele Bomben dann ihr Ziel verfehlten. Also wurden die restlichen Besatzungen beauftragt, ihre Zweitziele Pößneck und Schleiz anzugreifen", erklärte Klimpke vor rund 75 Teilnehmern der Gedenkstunde in der Bergkirche.

Nach Schleiz waren 25 Flugzeuge unterwegs, die mit 500 Bomben zu je 150 amerikanischen Pfund, also insgesamt 34 Tonnen Bombenlast, bestückt waren. Klimpkes Ausführungen zufolge, die Auszüge seines am heutigen Donnerstag um 19.30 Uhr im Café Riedl geplanten Vortrages waren, zählte Schleiz in Ostthüringen zu den drei Städten mit den meisten Opfern. Nach offiziellen Angaben seien 105 Menschen bei dem Fliegerangriff ums Leben gekommen."Schuld nicht bei US-Piloten suchen."Da es in Schleiz keine kriegswichtige Industrie gab, hätten viele Einwohner nicht mit Fliegerangriffen gerechnet und seien somit auch an jenem Tag nicht gleich in die Luftschutzkeller geflüchtet. Ums Leben gekommen sind auch 21 Kinder aus Düsseldorf, die wegen der Kriegsgefahr in der Heimatstadt im Hotel "Goldene Sonne" in Schleiz untergebracht wurden und dort den Tod fanden.Zu den zerstörten Gebäuden in der Stadt zählten neben der Stadtkirche und zahlreichen Wohnhäusern auch Objekte, die von militärischer Bedeutung waren. Die Wisentahalle diente als Parteizentrale der NSDAP, in der an jenem Tag die Leiter vieler Betriebe zum Durchhalten aufgefordert worden waren.Im Gefängnis, das ans Amtsgericht grenzte, seien Panzerfäuste gelagert worden. Auf dem Schlossgelände habe es Exerzierübungen des Volkssturms gegeben, während der Marstall/Turnerheim als Quartier einer Panzernahkampfbrigade der Berliner Hitlerjugend diente.Außerdem war die strategisch wichtige Kaufhauskreuzung (damals Bauchkreuzung) Ziel des Bombenangriffs.

"Wenn wir an den 8. April 1945 denken, dürfen wir nicht die Schuld bei den amerikanischen Piloten suchen. Die Schuld liegt bei den Deutschen selbst. Sie hatten es zugelassen, dass von deutschem Boden aus der schrecklichste und gewaltigste aller bisherigen Kriege in die Welt hinaus zog", mahnte Bürgermeister Klimpke und erklärte in einem weiteren Teil seiner Rede: "Und wer heute glaubt, dass solche Ereignisse wie damals nicht wieder geschehen können, der irrt. Erst in den letzten Tagen haben wir erleben müssen, wie demokratisch gewählte Politiker unter Druck gesetzt und bedroht wurden", erinnerte er an den Brandanschlag auf das geplante Asylbewerberheim in Tröglitz, die Bedrohung des dortigen Ortsteilbürgermeisters und des Landrates.Pfarrer Ingolf Scheibe-Winterberg, der mit Bürgermeister Klimpke den Kranz am Gedenkstein niedergelegt hatte, zeigte sich froh, dass seiner Generation Krieg erspart geblieben ist.Doch den Spruch "Nie wieder Krieg", der in seiner Schulzeit sehr oft verwendet wurde, höre er heute immer weniger, höchstens noch von Linke-Politikern.Der Pfarrer will den Gedanken "Nie wieder Krieg" an seinen Sohn weitergeben und ihm die von Einschusslöchern geprägte Fassade des Nachbarhauses bewusst zeigen, bevor diese demnächst saniert werde.

"Krieg und Vertreibung dürfen uns nicht kalt lassen", sagte die stellvertretende Thüringer Ministerpräsidentin Heike Taubert (SPD). Sie forderte die Menschen auf, Flüchtlinge, die oftmals aus Kriegsgebieten kämen, würdevoll zu empfangen und zu begleiten.Politiker aller Parteien könnten unterschiedlicher Auffassungen sein, wären aber dafür verantwortlich, dass es von Deutschland aus nie wieder einen Krieg geben dürfe.Das forderte Landtagsabgeordneter Ralf Kalich (Die Linke), der fast auf den Tag genau 16 Jahre nach dem Bombenangriff auf Schleiz geboren wurde.Dem schloss sich Vizelandrat Jürgen Hauck (CDU) an, der dar­an erinnerte, dass viele Überlebende nach dem Bombenangriff lange Zeit vom Verlust ihrer Wohnungen gezeichnet waren.Die zerstörten Türme des Schleizer Schlosses würden die Erinnerung an den 8. April 1945 wachhalten.